Interview mit Ana-Maria Crnogorčević

Unser Interview mit Ana-Maria Crnogorčević

Sie ist Fussballerin und spielt für den 1. FFC Frankfurt und die Schweizer Nationalmannschaft

Konntest du dich nach der EM gut für den Klub-Alltag erholen? Worauf achtest du da besonders?

Es war natürlich eine enttäuschende EM, da bin ich ganz ehrlich. Mir war besonders wichtig, dass ich in der kurzen Erholungsphase komplett abschalte, den Kopf freibekomme und möglichst nichts mache, was mit Fußball zu tun hat. Und das ist mir auch ganz gut gelungen.

Schon während dem Turnier kristallisierte sich in den Medien die Meinung heraus, die Niederlage im Spiel gegen Österreich könnte am Ende zu viel Kapital sein. Wie bewertest du die Partie jetzt mit etwas Abstand?

Man muss es so deutlich sagen: Das Spiel gegen Österreich war unser Genickbruch. Natürlich hätten wir auch in Überzahl gegen Frankreich gewinnen können oder vielleicht müssen. Aber ein Unentschieden gegen eine solche Top-Nation ist unter dem Strich keine Schande.

Im Spiel gegen Island seid ihr zwar in Rückstand geraten, habt aber danach phasenweise einfach berauschend gespielt. Zusammen mit der langen Nachspielzeit war das sehr intensiv. Gefällt es dir, wenn es manchmal auch etwas drunter und drüber geht?

Ja, absolut. Wenn ich selbst auf dem Platz stehe zumindest – von der Bank aus ist es eher eine Katastrophe… Ich mag Spiele, in denen es rauf und runter geht und man nicht viel Zeit hat zu überlegen.

Das Spiel gegen Frankreich habe ich selbst im Stadion gesehen. Nach der roten Karte gegen Frankreich und deinem Führungstor war viel Euphorie in der Luft. Danach folgte ein aufopferungsvoller Kampf. Weswegen hat es deiner Meinung nach am Ende trotzdem nicht gereicht?

Weil wir nicht mehr Fußball gespielt, sondern nur noch verwaltet haben. Wir haben die Bälle nach vorne gedroschen statt geduldig aufzubauen. In der zweiten Hälfte kam dann auch noch die physische Komponente hinzu, da sind uns ein wenig die Körner ausgegangen.

Nach der ersten WM-Quali folgte die erste EM-Quali für die Schweizer Frauen-Nati. Welche Elemente führten zu diesen historischen und natürlich wiederholungswürdigen Errungenschaften?

In erster Linie ist hier natürlich die Qualität der Spielerinnen zu nennen, darüber hinaus unsere große Disziplin und die Bereitschaft, Opfer zu bringen. Da denke ich in erster Linie an jene Spielerinnen, die noch in der Schweiz aktiv sind und für Länderspiele und Trainingslager unbezahlten Urlaub nehmen müssen. Davor ziehe ich den Hut!

Wie bist du mit deiner eigenen Leistung in der ganzen EM-Kampagne zufrieden? In der Qualifikation hattest du die meisten Tore für das Team geschossen, die Vorbereitung war vielleicht etwas ein Auf und Ab, an der EM hast du dieses tolle Tor erzielt. Was nimmst du daraus mit?

Auf das tolle Tor hätte ich gerne verzichtet, wenn wir dafür das Viertelfinale erreicht hätten. Wir haben die Qualifikation souverän geschafft, aber dann man gesehen, dass so ein EM-Turnier nochmal ein ganz anderes Kaliber ist. Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich mit unserer EM-Kampagne nicht ganz zufrieden.

Am Ende wurden die Holländerinnen Europameister. Hat dich das überrascht oder musste man sie sowieso als Mitfavoritinnen zählen? Was könnt ihr vielleicht aus deren Erfolg für das eigene Spiel für Schlüsse ziehen?

Ich hatte die Holländerinnen nicht ganz oben auf dem Zettel, da standen bei mir eher Deutschland, Frankreich und England. Aber sie haben die Gastgeberrolle eindrucksvoll genutzt, sich in einen Rausch gespielt und das Ding einfach durchgezogen. Und das war beileibe kein Zufall. Gerade das Trio Lieke Martens, Vivianne Miedema und Shanice van de Sanden war unglaublich, allein mit diesen Spielerinnen hatten die Niederlande eine hervorragende Qualität. Und sie haben es geschafft, sich genau auf diese Stärken zu besinnen. Deshalb können wir auch wenig für unser Spiel ableiten, weil wir ganz andere Spielerinnentypen haben. Aber eine Erkenntnis bleibt: Man muss nicht Favorit sein, um einen Titel zu gewinnen.

Lange bis zu den nächsten Nati-Spielen dauert es nicht. Bereits in einem Monat warten die beiden Spiele in Albanien und zu Hause gegen Polen. Was sind deine Ziele für die WM-Quali?

Als topgesetzte Mannschaft in unserer Qualifikationsgruppe ist es selbstverständlich unser großes Ziel, uns für die WM in Frankreich zu qualifizieren. Und wir haben – trotz eines kleinen Umbruchs – immer noch das Potenzial dazu.

Du bist seit diesem Jahr Rekordtorschützin der Nationalmannschaft. Was bedeutet dir dieser Titel?

Gar nichts, denn das ist nur eine Zahl, die sich morgen schon wieder ändern kann. Erfolge mit meiner Mannschaft sind mir wichtiger als solche Zahlenspiele.

Man hört ja, dass einige Spielerinnen aus der Nationalmannschaft zurücktreten könnten. Du selber wirst aber weitermachen?

So habe ich es geplant. Wenn ich gesund bleibe, würde ich gerne in der Nati weitermachen.

Du spielst seit 2009 in Deutschland und seit 2011 für den 1. FFC Frankfurt. Was zeichnet diese Mannschaft deiner Meinung nach aus?

Man kann schlecht von „dieser Mannschaft“ sprechen, schließlich hat sich das Team im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Momentan haben wir neben erfahrenen Nationalspielerinnen aus verschiedenen Ländern auch viele junge Talente in unserem Kader.

Seit du dort spielst habt ihr immer entweder Platz 2 oder 3 erreicht. Jetzt folgte letzte Saison der 5. Platz. Welche Schlüsse hat man für die kommende Saison daraus gezogen?

Man muss unsere Platzierung unter dem Hintergrund der gesamten Wettbewerbssituation sehen. Für die reinen Frauenvereine wird es immer schwerer, konkurrenzfähig zu sein, die Dominanz der finanziell weitaus besser ausgestatteten Lizenzvereine ist zuletzt immer größer geworden. Das ist ja keine rein deutsche, sondern eine europäische Entwicklung. Für den 1. FFC Frankfurt ist es aktuell kaum möglich, um Titel zu spielen. Daher denken wir ja auch an die Zukunft und versuchen, eine junge Mannschaft weiterzuentwickeln, die irgendwann wieder oben anklopfen kann.

In der Saison 13/14 hast du mit dem Team den DFB-Pokal gewonnen. Würdest du das als deinen bisher grössten Erfolg in deiner Karriere bezeichnen?

Nein. Das war der Champions-League-Sieg mit dem 1. FFC Frankfurt 2014/15.

Du hast noch bis Sommer 2018 einen Vertrag in der Mainmetropole. Hast du schon Pläne, wie es danach weitergehen könnte?

Ich habe ein paar Ideen im Kopf, aber davon ist noch nichts spruchreif. Dazu werde mich dann zu gegebener Zeit äußern.

Du kannst als Stürmerin aber auch als offensiv eingestellte Aussenverteidigerin auf sehr hohem Niveau spielen. Wie kam es dazu und würdest du sagen, dass diese Vielfalt dir in deiner Karriere Türöffner war/ist?

Wir hatten ein Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg in der Saison 2013/14 und gerade in der Abwehr einige Ausfälle von Stammspielerinnen. Unser damaliger Trainer Colin Bell hat mich in dieser Partie als Außenverteidigerin aufgestellt. Man bekommt eine andere Sicht aufs Spiel und es sind auch andere Qualitäten gefragt. Unter dem Strich hat mich diese Erfahrung kompletter gemacht.

Wie stark bleiben dir Thun und die Region in Kopf und Herz?

Sehr, sehr, sehr! Ich verbringe jede Fußball-Pause bei meinen Eltern in Steffisburg, es gibt kein schöneres Fleckchen auf dieser Welt.

Welche Rollen nehmen die Schweiz und Kroatien im Allgemeinen für dich ein?

Die Schweiz ist meine Heimat, hier bin ich geboren und aufgewachsen. Kroatien ist das Land meiner Eltern, da bin ich auch öfters im Urlaub. Aber ich habe ja nie selbst dort gewohnt, daher habe ich keine so enge Bindung zu Kroatien wie zur Schweiz.

In der Freizeit steigst du gerne aufs Motorrad. Was reizt dich daran am meisten und was sind weitere Hobbys von dir?

Mich reizt besonders die Geschwindigkeit, die Beschleunigung, die ganze Power. Und es ist ein schönes Gefühl, allein auf dem Motorrad zu sitzen und die Natur zu genießen. Ich treffe mich in meiner freien Zeit aber auch gerne mit Freunden oder besuche meine Familie. Und da wäre noch ein Hobby, das ich liebe: Wakesurfen am Thuner See.

Was wünschst du dir für die kommende Saison und die nächsten Jahre?

Gesund bleiben – alles andere kommt von alleine!

Vielen Dank fürs Beantworten der Fragen und alles Gute für die Zukunft!